Grüne Finanz ist zu einem der großen Versprechen unserer Zeit geworden. Banken, Fonds, Versicherer und Unternehmen erklären, dass Kapitalströme die ökologische Wende finanzieren werden. ESG-Ratings, grüne Anleihen, Klimafonds und Netto-Null-Verpflichtungen sollen beweisen, dass die Finanzwelt Teil der Lösung ist.
Doch während die Etiketten grüner werden, steigen Emissionen, Materialverbrauch, Bodenzerstörung und Biodiversitätsverluste weiter. Die Diskrepanz ist so groß, dass man die Frage stellen muss: Begrünt die Finanz wirklich die Wirtschaft, oder begrünt sie vor allem ihre eigene Legitimation?
Das Versprechen grüner Finanz
Das Grundversprechen klingt vernünftig. Wenn Kapital in umweltschädliche Aktivitäten fließt, muss man es in saubere Aktivitäten umlenken. Wenn Investoren ökologische Risiken berücksichtigen, werden Unternehmen gezwungen, sich zu verändern.
Dieses Versprechen enthält einen wahren Kern. Kapitalallokation zählt. Finanzierung kann beschleunigen oder blockieren. Aber das Problem beginnt, wenn man glaubt, dass Umlabeln, Scoring und Portfoliomanagement ausreichen, um eine Wachstumsmaschine in eine regenerative Wirtschaft zu verwandeln.
ESG: die Kunst, besser auszusehen
ESG misst häufig, wie ein Unternehmen mit Umwelt-, Sozial- und Governance-Risiken umgeht. Doch es misst nicht immer, wie stark dieses Unternehmen die Welt real entlastet.
Ein Konzern kann ein gutes ESG-Profil besitzen, weil er seine Risiken managt, transparent berichtet oder im Vergleich zur Branche etwas besser abschneidet. Das bedeutet nicht, dass sein Geschäftsmodell mit planetaren Grenzen vereinbar ist.
ESG kann daher zur Kunst werden, in einem zerstörerischen System weniger schlecht auszusehen. Das ist nicht nichts. Aber es ist nicht die Transformation.
Grüne Anleihen und das Problem der Zusätzlichkeit
Grüne Anleihen sollen ökologische Projekte finanzieren. Doch die entscheidende Frage lautet: Wird dadurch wirklich zusätzliche ökologische Wirkung erzeugt, oder wird eine Investition grün etikettiert, die ohnehin stattgefunden hätte?
Ohne strenge Zusätzlichkeit, Kontrolle und Wirkungsmessung können grüne Anleihen die Bilanz verschönern, ohne die Gesamtstrategie zu verändern. Ein Unternehmen kann grüne Projekte finanzieren und gleichzeitig sein degeneratives Kerngeschäft fortsetzen.
Kohlenstoffmärkte: den Symptompreis setzen
Kohlenstoffmärkte versuchen, Emissionen in Preise zu übersetzen. Auch hier gibt es eine sinnvolle Intuition: Wenn Verschmutzung kostenlos bleibt, wird sie überproduziert.
Doch der Preis eines Symptoms ist nicht die Heilung des Systems. Kohlenstoffmärkte können Kompensation, Spekulation, fragwürdige Zertifikate und die Illusion erzeugen, dass man Zerstörung neutralisieren könne, ohne Produktions- und Konsummodelle tief zu verändern.
Die Falle des grünen Wachstums
Grüne Finanz bleibt meist in der Erzählung des grünen Wachstums gefangen. Sie sucht nach Investitionen, die Rendite und ökologische Verbesserung zugleich liefern. Solche Fälle gibt es. Aber die Summe dieser Fälle reicht nicht, wenn das Gesamtsystem weiter expandiert.
Die ökologische Krise ist nicht nur ein Investitionsmangel. Sie ist eine Krise der Mengen, Rhythmen, Infrastrukturen, Erwartungen und materiellen Stoffwechsel. Man kann sie nicht lösen, indem man Kapital lediglich in „bessere“ Wachstumssektoren verschiebt.
Finanz kann Politik nicht ersetzen
Finanzmärkte optimieren nach Rendite, Risiko und Liquidität. Sie können keine demokratische Debatte über Grenzen, Bedürfnisse, Gerechtigkeit und Verzicht ersetzen.
Wenn wir die ökologische Wende der Finanz überlassen, delegieren wir politische Entscheidungen an Akteure, deren Auftrag nicht die Bewohnbarkeit der Erde ist. Das Ergebnis ist eine technokratische Ökologie ohne demokratische Richtung.
Der monetäre blinde Fleck
Die meisten Debatten über grüne Finanz ignorieren die Geldarchitektur. Solange Geld hauptsächlich durch Schuld entsteht, solange Investitionen Rendite erzeugen müssen und solange Stabilität wachsende Zahlungsströme verlangt, bleibt die Finanz in eine Expansion eingebettet.
Grüne Projekte werden dann nach denselben Kriterien bewertet wie andere Projekte: Rückzahlung, Rentabilität, Skalierbarkeit, Verwertbarkeit. Viele notwendige Tätigkeiten — Pflege, Bodenerholung, Wasser, lokale Robustheit — passen schlecht in diese Logik.
Was echte ökologische Finanz verlangen würde
Echte ökologische Finanz müsste nicht nur Kapital umlenken, sondern die Kriterien des Finanzierbaren verändern. Sie müsste Wirkungen auf Ökosysteme, soziale Robustheit, Zeithorizonte und Gemeingüter in den Mittelpunkt stellen.
Sie müsste akzeptieren, dass manche notwendige Tätigkeiten keine schnelle private Rendite erzeugen. Hier braucht es schuldenfreie Geldschöpfung, öffentliche Garantien, demokratische Priorisierung und Mechanismen monetärer Vernichtung, die zerstörerische Ströme begrenzen.
Schluss: jenseits grüner Finanz
Grüne Finanz ist nicht nutzlos. Aber sie ist gefährlich, wenn sie als Hauptlösung verkauft wird. Sie kann reparieren, was sie messen kann, und verschleiern, was sie nicht verändern will.
Die ökologische Krise verlangt mehr als grüne Portfolios. Sie verlangt eine andere Geldordnung, in der Finanzierung nicht zuerst Rendite sucht, sondern die Bedingungen des Lebens stärkt.
Jean-Christophe Duval