NEMO IMS: Welches internationale Währungssystem für die Zukunft?

Nach zwei Jahrhunderten monetärer Krisen ist es Zeit, ein System zu denken, das nicht länger in Schuld, Extraktion und dem Privileg einer Reservewährung verankert ist.

Das internationale Währungssystem ist keine neutrale technische Infrastruktur. Es entscheidet darüber, welche Länder Liquidität besitzen, welche Länder sich verschulden müssen, welche Währungen Vertrauen erzeugen und welche Volkswirtschaften ihre politischen Entscheidungen unter dem Druck von Zahlungsbilanz, Kapitalflucht und Wechselkursen treffen.

Seit zwei Jahrhunderten wechseln die Formen: Goldstandard, Sterling-Ordnung, Bretton Woods, Dollarstandard, freie Wechselkurse, regionale Währungsräume und Sonderziehungsrechte. Doch dieselbe Grundspannung bleibt bestehen: Die Welt braucht internationale Liquidität, aber diese Liquidität wird fast immer durch Macht, Schuld oder Vermögensakkumulation organisiert.

NEMO IMS schlägt vor, die Frage anders zu stellen. Nicht mehr: Welche Währung soll die Welt dominieren? Sondern: Wie kann internationale Liquidität geschaffen werden, ohne eine Nation, ein Metall oder eine private Finanzlogik zum Zentrum der Welt zu machen?

Von monetärer Neutralität zu monetärer Teleologie

Die klassische Ökonomie behandelt Geld häufig als neutrales Werkzeug. In dieser Sicht erleichtert es Austausch, misst Werte und bewahrt Kaufkraft. Doch in Wirklichkeit richtet ein Währungssystem Verhalten aus. Es belohnt bestimmte Aktivitäten, diszipliniert andere, verteilt Risiken, schafft Abhängigkeiten und formt die Bedingungen politischer Souveränität.

Ein ökologisches Jahrhundert kann sich daher keine scheinbar neutrale Geldordnung leisten. Geld muss eine Richtung haben. Es muss nicht ein ideologisches Instrument im engen Sinn werden, sondern ein institutionelles Mittel, um die Überlebensbedingungen komplexer Gesellschaften zu schützen.

Diese Orientierung nennt Debunk’Onomy eine monetäre Teleologie: Geldschöpfung, Umlauf und Vernichtung werden nicht als bloße Marktmechanik betrachtet, sondern als Architektur, die auf soziale Robustheit und ökologische Grenzen ausgerichtet werden kann.

Das zentrale Prinzip: schuldenfreie internationale Liquidität

Im heutigen System entsteht internationale Liquidität überwiegend durch Defizite, Verschuldung, Kapitalbewegungen und die globale Rolle des Dollars. Diese Architektur zwingt die Welt, immer neue Forderungen auf die Zukunft aufzubauen, um die Gegenwart zahlungsfähig zu halten.

NEMO IMS schlägt dagegen eine schuldenfreie internationale Liquidität vor. Der NEMO Green DTS würde nicht als Kredit entstehen, der mit Zinsen zurückgezahlt werden muss. Er würde zur Finanzierung von Funktionen geschaffen, die für die kollektive Robustheit notwendig sind: Wiederherstellung von Ökosystemen, Schutz von Wasser, Anpassung an den Klimawandel, Pflege, Bildung, Gesundheit, Gemeingüter und Infrastrukturen mit geringer Wirkung.

Die entscheidende Verschiebung ist einfach: Liquidität entsteht nicht mehr zuerst, um profitable Geschäfte oder Handelsungleichgewichte zu bedienen, sondern um reale Bedingungen des Lebens zu stabilisieren.

Der NEMO Exchange Standard

Damit nationale Währungen nicht in chaotischer Konkurrenz zueinander stehen, sieht NEMO IMS einen neutralen Referenzstandard vor: den NEMO Exchange Standard. Jede Währung wäre mit diesem gemeinsamen Referenzpunkt verbunden, ohne dass eine nationale Währung zur globalen Leitwährung wird.

Dieses Prinzip bricht mit der hierarchischen Ordnung des Dollarstandards. Es ersetzt die Pyramide durch eine Art monetäres Netz: Jede Währung bleibt national verankert, aber ihre internationale Umrechnung erfolgt über einen gemeinsamen Maßstab.

Ein solcher Standard soll nicht die Vielfalt der Währungen abschaffen. Er soll sie koordinieren, indem er die globale Abhängigkeit von Reservewährungen und Devisenreserven reduziert.

Skripturale Konversion und monetäre Vernichtung/Schöpfung

Der Kernmechanismus ist die skripturale Umwandlung. Beim Import oder Export würde Geld nicht einfach als fremde Währung zirkulieren. Es würde in der nationalen Sphäre vernichtet und in der anderen Sphäre geschaffen, über den gemeinsamen Referenzstandard vermittelt.

Damit verschwindet ein Teil der heutigen Logik von Devisenreserven, Zahlungsbilanzpanik und Währungsakkumulation. Internationale Zahlung wird nicht mehr als Kampf um knappe Schlüsselwährungen organisiert, sondern als geregelte Umwandlung zwischen Währungsräumen.

Das Ziel ist nicht, alle Ungleichgewichte magisch zu beseitigen. Es besteht darin, die monetäre Form der Ungleichgewichte so zu verändern, dass sie weniger hegemonial, weniger spekulativ und weniger zerstörerisch wirkt.

Transaktionsbasierte Geldschmelze

Eine schuldenfreie Geldschöpfung braucht eine Gegenbewegung. Geld darf nicht unbegrenzt geschaffen werden, ohne dass es Mechanismen des Abflusses gibt. Deshalb verbindet NEMO IMS die Geldschöpfung mit einer transaktionsbasierten Geldschmelze.

Bei jeder Transaktion kann ein kleiner Anteil der Geldmenge vernichtet werden. Der Standardsatz kann niedrig sein. Er kann jedoch je nach sozialer und ökologischer Wirkung steigen. Tätigkeiten mit geringer Wirkung tragen wenig. Degenerative Tätigkeiten tragen mehr.

So wird das Geldsystem zu einem Regler der Ströme. Es finanziert, was regeneriert, und es lässt zerstörerische Ströme einen Teil ihrer systemischen Kosten tragen.

Selektive Degrowth und monetäre Steuerung

NEMO IMS verwechselt Degrowth nicht mit einer allgemeinen Verarmung. Es geht nicht darum, alles zu schrumpfen. Es geht darum, das Degenerative zurückzufahren und das Lebensnotwendige zu stärken.

Die monetäre Architektur kann diese Unterscheidung sichtbar machen. Sie kann Finanzierung für Pflege, Böden, Wasser, Bildung, Gesundheit und lokale Resilienz bereitstellen, während sie Extraktion, Überkonsum, spekulative Beschleunigung und ökologisch zerstörerische Aktivität relativ verteuert.

Eine solche Steuerung ersetzt keine Politik. Sie gibt der Politik jedoch ein Instrument, das mit den erklärten ökologischen Zielen vereinbar ist.

Das Mundell-Dreieck überwinden?

Das bekannte Mundell-Dreieck besagt, dass ein Land nicht zugleich feste Wechselkurse, freie Kapitalbewegungen und autonome Geldpolitik haben kann. NEMO IMS nimmt diese Spannung ernst, versucht sie aber nicht innerhalb derselben Logik zu lösen.

Wenn die globale Konversion über einen neutralen Standard organisiert wird, wenn Reservewährungen an Bedeutung verlieren und wenn Kapitalströme nicht mehr der einzige Träger internationaler Liquidität sind, verändert sich das Problem selbst.

Man kann nicht behaupten, dass die Unmöglichkeit verschwindet. Aber der Rahmen verschiebt sich: Autonomie, Stabilität und internationale Koordination werden nicht mehr über denselben Mechanismus erzwungen wie im heutigen System.

Eine neue Rolle der Zentralbanken

In NEMO IMS würden Zentralbanken nicht nur Preisstabilität und Finanzstabilität verwalten. Sie würden Hüterinnen der monetären Robustheit werden. Ihre Aufgabe bestünde darin, Geldströme, Reserven, Schöpfung, Vernichtung und Wechselkursbindung mit sozialen und ökologischen Kriterien zu verbinden.

Das bedeutet nicht, dass Zentralbanken allein über die Ziele entscheiden. Im Gegenteil: Je teleologischer Geld wird, desto stärker braucht es demokratische Kontrolle, transparente Regeln und pluralistische Bewertungsinstanzen.

Die Unabhängigkeit der Zentralbanken darf nicht länger als Neutralität missverstanden werden. Sie muss in einen Auftrag eingebettet werden, der die Bedingungen des Lebens schützt.

Warum nicht einfach die Sonderziehungsrechte des IWF nutzen?

Die Sonderziehungsrechte des IWF zeigen bereits, dass eine internationale Recheneinheit möglich ist, die nicht direkt eine nationale Währung ist. Aber sie bleiben in der bestehenden Weltordnung gefangen: begrenzte Allokation, geopolitische Gewichtung, schwache demokratische Legitimation und keine ökologische Teleologie.

NEMO IMS kann von den DTS lernen, ohne sie einfach zu kopieren. Es geht nicht nur um ein neues Reserveinstrument. Es geht um eine andere Logik der Geldschöpfung, der Umrechnung und der Vernichtung.

Die politische Bedingung

Ein solches System ist nicht nur technisch. Es verlangt ein neues internationales Abkommen, institutionelle Machtverschiebungen, Regeln gegen Missbrauch, gemeinsame Indikatoren und ein Mindestmaß an geopolitischem Vertrauen.

Gerade deshalb muss es als Projekt der Zivilisation verstanden werden. Der Status quo ist nicht neutral. Er ist bereits politisch, bereits asymmetrisch und bereits ökologisch blind.

Schluss: von internationaler Liquidität zu planetarer Robustheit

Die Geschichte der Währungssysteme ist eine Geschichte ungelöster Spannungen. NEMO IMS versucht nicht, sie mit einer weiteren Reservewährung zu überdecken. Es schlägt vor, die Funktion internationaler Liquidität neu zu definieren.

Internationale Liquidität sollte nicht länger die Fähigkeit sein, Schulden, Defizite und Machtpositionen zu verlängern. Sie sollte die Fähigkeit werden, Gesellschaften in den Grenzen des Lebendigen zahlungsfähig, robust und kooperativ zu halten.

Das ist der entscheidende Bruch: vom Geld als Machtinstrument zum Geld als Infrastruktur planetarer Robustheit.

Jean-Christophe Duval