Branko Milanovic hat es klar gesagt: Es wird keine Rückkehr zur neoliberalen Ideologie geben. Ein neues System muss also aufgebaut werden. Diese Reflexion ist willkommen. Doch sie bleibt unvollständig. Denn kein neues System kann gedacht werden, ohne das Kernstück zu befragen, das Ökonomen hartnäckig aus der Debatte heraushalten: das Geld selbst.
Milanovic hat recht: Ein historischer Zyklus geht zu Ende
Branko Milanovic ist einer der rigorosesten Ökonomen seiner Generation in Sachen globaler Ungleichheit. Seine Elefantenkurve — die Gewinner und Verlierer der Globalisierung zwischen 1988 und 2008 zeigt — bleibt eines der aufschlussreichsten analytischen Dokumente der vergangenen dreißig Jahre. Seine Arbeiten über den amerikanischen liberalen Kapitalismus und den chinesischen politischen Kapitalismus erlaubten es, die Naivitäten der Post-Mauerfall-Orthodoxie zu überwinden: Der Kapitalismus ist nicht einer, sondern vielfältig, und seine Varianten konvergieren nicht zu einem einzigen Modell.
Sein letztes Buch, The Great Global Transformation (2025), markiert einen weiteren Schritt. Milanovic diagnostiziert das Ende eines Zyklus: das der neoliberalen Globalisierung, die seit den 1980er Jahren auf finanzieller Deregulierung, Handelsliberalisierung, staatlicher Desintermediation und Marktprimat aufgebaut wurde. Dieser Zyklus, sagt er, ist beendet. Nicht weil seine Befürworter ihn aufgegeben hätten, sondern weil seine inneren Widersprüche ihn zunichtegemacht haben.
Die Mittelklassen der Industrieländer waren die großen Verlierer dieser Periode. Die innernationalen Ungleichheiten explodierten. Die Finanzialisierung entkoppelte die Kapitalerträge von der realen Wertschöpfung. Und das Versprechen einer universellen Bereicherung durch Freihandel zerschellte an der Realität wachsender Polarisierung.
Milanovic identifiziert als neues aufstrebendes Modell den National Market Liberalism: einen Marktkapitalismus, der den liberalen Internationalismus zugunsten wirtschaftlichen Nationalismus aufgibt, dabei aber private Akkumulationslogik und Effizienz als Kardinalwert beibehält.
Hier ist Milanovic' Analyse am wertvollsten — und hier hört sie auch zu früh auf.
Was Milanovic sieht — und was nicht
Der National Market Liberalism bewahrt die wesentliche konzeptionelle Infrastruktur des Neoliberalismus. Er ändert die geopolitischen Spielregeln. Er berührt nicht die monetären Spielregeln.
Genau dort liegt der blinde Fleck. Milanovic behandelt Geld wie die meisten Ökonomen als Schleier, als neutrales Instrument. Die monetäre Frage wird an Zentralbanker, Techniker und Devisenspezialisten verwiesen. Sie wird nicht als systemische, strukturierende, im tiefsten Sinne politische Frage gestellt. Doch das Geldystem ist nicht neutral — es ist der Rahmen, innerhalb dessen alle anderen Politiken operieren.
Geld ist nicht neutral: eine hartnäckig ignorierte Tatsache
Die Neutralität des Geldes ist eines der hartnäckigsten Dogmen der Standardökonomie. Diese These wurde vielfach angefochten — von Keynes, von Minsky, von den Theoretikern des modernen Geldes, von Ökonomen wie Felix Martin und Anthropologen wie David Graeber. Doch diese Infragestellungen bleiben partiell. Sie stellen die Frage nicht in ihrer ganzen Radikalität: Die Struktur des Geldsystems selbst bestimmt die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten jeder Wirtschaftspolitik.
Das aktuelle Geldsystem belohnt strukturell grenzenlose Akkumulation — jeder geliehene Euro muss mehr als einen Euro zukünftigen Wert erzeugen, womit Expansionismus in seiner Architektur selbst eingeschrieben ist. Es belohnt Ressourcenextrakion, da natürliche Ressourcen nur zu ihren Extraktionskosten in die Kalkulationen eingehen. Entwaldung ist profitabel. Grundwassererschöpfung ist profitabel. Nicht durch Bosheit, sondern durch Struktur.
Wir treten ins Zeitalter der Robustheit ein — aber unsere monetären Institutionen blieben im Zeitalter der Effizienz
Der Übergang vom globalisierten Neoliberalismus zum National Market Liberalism markiert den Übergang von einer Priorität zu einer anderen: von Effizienz zu Robustheit. Der Kontext hat sich in drei Dimensionen gleichzeitig verändert: ökologisch, geopolitisch und sozial. Robustheit — die Fähigkeit eines Systems, Schocks zu absorbieren und wesentliche Funktionen aufrechtzuerhalten — wird zum neuen strategischen Ziel. Und dieser Wandel impliziert einen Wechsel des Geldsystems.
Der fundamentale blinde Fleck: das internationale Währungssystem
Das aktuelle internationale Währungssystem beruht auf dem Dollar als globaler Reservewährung, was den USA ein "exorbitantes Privileg" verleiht. Das zweite Standbein ist die Geldschöpfung durch privaten Bankkredit. Wie ein fundamentales Prinzip der Bankbuchhaltung erinnert — Hartley Withers zugeschrieben, bereits 1901 formuliert — machen Kredite Einlagen. Geld entsteht aus Schulden. Dieses System erfordert Wachstum für seine eigene Reproduktion. In einer Welt endlicher Ressourcen wird diese Eigenschaft zum Fluch. Der dritte Dysfunction ist das vollständige Fehlen ökologischer Signale in den Grundmechanismen des Geldsystems.
Die Sackgasse des National Market Liberalism als Antwort
Der National Market Liberalism ändert die Ebene der Akkumulation, aber nicht den Zweck: Maximierung des nationalen Wirtschaftswachstums, gemessen am BIP, durch Schulden finanziert, durch ein Bankensystem organisiert, das Geld durch Kreditvergabe schafft. Der monetäre Rahmen bleibt identisch. Die strukturellen Anreize bleiben identisch. Schlimmer noch: In einem Kontext geopolitischer Fragmentierung verschärft er bestimmte Pathologien.
Post-Wachstum und Robustheit: ein neues Paradigma, das auf sein Geldsystem wartet
Das dem neuen Zeitalter entsprechende Paradigma hat einen Namen — oder mehrere sich überschneidende Namen: Post-Wachstum, Degrowth, Wohlstandsökonomie, stationäre Wirtschaft. Diese Ansätze konvergieren: BIP-Maximierung ist in einer endlichen Welt kein relevantes Ziel; menschliches Wohlbefinden kann in Volkswirtschaften verbessert werden, die quantitativ nicht wachsen; planetare Grenzen sind reale Einschränkungen.
Aber diese Analysen stoßen systematisch auf ein Hindernis: Sie schlagen kein Geldsystem vor, das mit ihren Zielen kompatibel ist. Post-Wachstum braucht ein Geldsystem, das für es konzipiert ist. Nicht am Rand angepasst oder reformiert, sondern architektonisch neu gedacht.
Was ein Geldsystem des 21. Jahrhunderts leisten sollte
Mindestens fünf Eigenschaften lassen sich identifizieren: den Wachstumszwang nicht kodieren; ökologische Grenzen als strukturierende Variablen integrieren; Stabilität ohne Wachstumserfordernis garantieren; internationale Ungleichgewichte strukturell korrigieren (Keynes hatte einen solchen Mechanismus mit dem Bancor in Bretton Woods vorgeschlagen — er wurde zugunsten des Dollars abgelehnt); und internationale Zusammenarbeit bei globalen Gemeingütern unterstützen.
NEMO IMS: eine Richtung, kein Bauplan
Diese fünf Eigenschaften skizzieren die Konturen eines Geldsystems, das sich radikal von dem unterscheidet, das heute existiert. Sie entsprechen der Richtung, in die sich das NEMO IMS-System (NEgentropic MOney International Monetary System) zu bewegen sucht.
Der Anspruch von NEMO IMS ist nicht, Märkte abzuschaffen oder zu einer ausgefeilten Tauschwirtschaft zurückzukehren. Es geht darum, die internationale Währungsarchitektur mit den realen Beschränkungen der Welt des 21. Jahrhunderts neu auszurichten — einer endlichen, multipolaren Welt, durchzogen von systemischen Risiken, die das aktuelle System verstärkt, anstatt sie zu dämpfen.
Die Frage nach Milanovic' Frage
Branko Milanovic stellt die richtige Frage: Wenn der Neoliberalismus tot ist, was setzen wir an seine Stelle? Seine Antwort ist eine lucide empirische Beschreibung dessen, was geschieht. Es ist keine Vorschrift.
Die Antwort auf diese Frage kann nicht nur politisch oder institutionell sein. Sie muss monetär sein. Eine Welt, die in ein Zeitalter der Robustheit, planetarer Grenzen und Multipolarität eintritt, braucht ein Geldsystem, das für dieses Zeitalter konzipiert ist. Nicht am Rand reformiert. Architektonisch neu gedacht.
Dies ist die große unvollendete Arbeit des 21. Jahrhunderts, die die meisten Ökonomen — auch die klügsten — noch nicht begonnen haben.
Es ist Zeit, sie zu beginnen.
Jean-Christophe Duval